Tante Bettine und das Spämchen

Eigentlich gehört die folgende Geschichte in die Rubrik "IT-Welt" aber sie ist so rührselig, dass ich sie hier platzierte. Einer Tante musste ich mit einem Rollenspiel auf die Gefahren hinweisen, die Schadware anrichten können.

Tante Bettine hat sich ein Notebook gekauft, um nicht bei ihren Altergenossinnen als digitale Analphabetin zu gelten. Geld hat sie ja, daher kam nur ein teures Gerät in Frage. Als Erstes konfigurierte ich ihren Internetzugang und auf ihrer Kiste einen Virenscanner. Damit Tantchen mit ihren Kaffeeschwestern kommunizieren kann, habe ich ihr auch einen E-Mail-Konto eingerichtet.

Eines Tages schepperte das Telefon und Tantchen stammelte mit aufgeregter Stimme:

"Ich glaube, ich hab' mich irgendwie vertan."

Sie holte tief Luft und erzählte mir:

"Vor einer Stunde hab' ich eine Post bekommen, da hat mir ein freundlicher Herr geschrieben, ich hätte bei einem Gewinnspiel etwas gewonnen. Damit ich das Geld bekomme, soll ich weiter unten mit der Maus auf »Öffnen« drücken. Als ich das machte, klappte ein kleines Fenster auf, in dem die Mitteilung stand, dass eine Malware erkannt wurde. Selbstverständlich drückte ich dann auf »Zulassen«, denn ich wollte immer schon eigene Grußkarten malen und zu meiner Rente wäre ein kleiner Geldsegen nicht schlecht. Doch oh weh, ein komisches Geräusch ertönte und auf einer Seite wurde mir mitgeteilt, dass das Bundeskriminalamt meinen Computer gesperrt hat. Hab ich was falsch gemacht?"

"Ja Tantchen", sagte ich, "du hast dir einen Virus eingehandelt, denn Malware ist kein Malprogramm, sondern kommt aus dem Lateinischen und bedeutet schlechte Software."

Tante Bettine darauf:

"Das hab' ich nicht gewusst, nun muss ich 100 Euro bezahlen, weil behauptet wird, ich hätte eine Pornoseite angeschaut. Das Geld ist mir egal aber es ist furchtbar peinlich."

Ich beruhigte Tantchen und sagte ihr:

"Bezahle auf keinen Fall und schalte den Computer aus. Ich werde sofort vorbeikommen, denn dieses Problem ist mir wohl bekannt. Für solche Fälle hab' ich eine Rettungs-CD."

Schaden aus Gutgläubigkeit
Nachdem ich bei Bettine Kaffee getrunken hatte, untersuchte ich ihr Notebook, worauf sich noch weitere Schadware eingenistet hatte. Ein Eldorado für " Spyware, Adware, Phishing, Viren und Trojaner". Es blieb mir nichts andere übrig, als Betriebssystem neu aufzusetzen. Während der Installation, machte ich ihr klar, wie sie ihre Pforten für Würmer weit geöffnet hatte. Sie war zu gutgläubig und hatte keine Erfahrung mit den unzähligen Spams, die im Umlauf sind. Damit sie einen Eindruck für die Ernsthaftigkeit bekommt, versetzte ich mich in die Lage einer Schadsoftware:

Ein Spämchen klagt
"In der prall gefüllten Datenbank, die mein Gebieter, Herr und Hacker verwendet, schlummern zahlreiche E-Mail-Adressen. Gefangen in Anhängen einiger E-Mails, warte ich sehnsüchtig darauf, dass ein neugieriger Empfänger mich befreit. Meine Freude war groß, als ich auch einer Dame, namens Bettine, meine Dienste anbieten durfte, als sie die angehängte Datei öffnete. Hui, ein teueres Notebook, das könnte meinem Herrn und Gebieter viel Geld bringen.

Sogleich machte ich mich an die Arbeit, um einen Rootkit einzupflanzen, damit nur noch mein Herr die Kontrolle über das Betriebssystem hat. Da ich ein großzügiges Spämchen bin, erlaube ich aber immer, gegen einen Betrag von 100 Euronen, ein Hintertürchen offen zu lassen, um den Computer wieder freizugeben.

Natürlich hat mein Herr und Hacker, immer noch Zugang diesem Betriebssystem, um vielleicht noch mehr Kohle herauszukitzeln, wenn nicht ordentlich aufgeräumt wird. Damit das Ganze legal aussieht und die richtige Würze bekommt, offenbare ich mich zunächst als Sittenwächter der Bundespolizei. Mein Herr hat sich dafür eigens das Logo von der Bundesnetzagentur ausgeliehen.

Leider schlafen aber meine Feinde nicht und versuchen mich zu eliminieren, was ihnen glücklicherweise nicht immer gelingt. Mich erfüllt es mit Stolz, eigene, wohlklingende Namen erhalten zu haben. Zum Beispiel kennt man mich weit und breit respektvoll und gefürchtet als Bundestrojaner. Selbst wenn ich beseitigt werde, haben sich einige Brüder von mir noch irgendwo im System versteckt. Nach jedem Hochfahren des PCs, werden sie wachgeküsst und holen sich weitere Familienmitglieder in die neue Behausung. Sie nisten mit Vorliebe in Wurzelverzeichnissen. Ehrfürchtig gingen sie als Trojaner längst in die Computergeschichte ein und baden sich wohlgesonnen im Ruhm ihres mythologischen Hintergrunds.

Etwas traurig machen mich allerdings meine größten Feinde, die Antivirensoftware, der Löschbutton, und eine ausgeklügelte Firewall. Sie machen es mir nicht leicht, daher muss mein Herr und Hacker immer wieder mit neuen Ideen versuchen, mir und meinen Artgenossen ein neues Outfit zu verpassen. Um mir und meiner unheimlich großen Familie weiterhin Freude zu bereiten hat Tarnung oberste Priorität. Größte Mühe ist nötig, die E-Mail-Empfänger mit Versprechen zu locken, damit sie brav alle Anhänge unbekannter Nachrichten öffnen.

Ein Ahne von mir, der berühmte Loveletter, heimste ab Mai 2000 weltweit geschätzte 10 Milliarden Dollar ein. Finanzämter können nur vor Neid blass werden, angesichts der Methode, Geld einzutreiben. Heldenhaft und zugleich liebevoll beehrte er per E-Mail die Computernutzer.

thumb bka trojaner
Mit den Worten »ILOVEYOU« in der Betreffzeile und dem höflichen Rat »Bitte überprüfen Sie den beigefügten LOVELETTER von mir«, schaffte er es, dass ihm die Welt zu Füßen lag.  Clever der unten angebrachte Link, der auf dem ersten Blick auf wie eine Textdatei ».txt« aussah aber in Wirklichkeit ein Visual Basic Script ».vbs« war. Dieser Umstand macht mir, kleines Spämchen dann wieder Mut, wenn auf mich zu scharf geschossen wurde.

Egal, ob bereits 1999, meine Oma »Melissa« sich Microsofts Word 2000 zu nutze machte, das Ziel war doch nur Fortpflanzung. Haben wir Viren in einem freien Land nicht auch das Recht auf Vermehrung? Lady Melissa verschickte sich selbst, genau wie etwas später Loveletter, über die Adressbücher. Auch Web-Wolf hat mit Melissa Bekanntschaft gemacht, doch dürfte es ein Segen für ihn gewesen sein, die vollgemüllte Kiste endlich einmal plattzumachen. So gesehen, helfen wir Viren den Computernutzern aber in erster Linie den überlasteten PCs, zur Jungfräulichkeit.

Leider gibt es auch tiefschwarze Schafe, die unserem Ruf schwer schädigen. Der Bubbleboy, von dem ich mich energisch distanziere, ließ nicht den Nutzern entscheiden, uns Eintritt zu gestatten, nein, dieser Lümmel treibt sein Unwesen bereits beim Lesen einer E-Mail. Durch diese Arbeitsweise stempelt man uns arme Viren zu Monstern.

In diesem Sinne, trotzdem viel Spaß mit Phishing, Browser-Hijackern, Adware, Spyware, Randomware, Rootkits, Trojanern und anderen Viren!

Euer ungeliebtes Spämchen."